Durch Salento nach Jerusalem

 

 

Im Mittelalter durchquerte den christlichen Westen ein langer camino, der Santiago de Compostela mit Rom und weiter Jerusalem verband, die drei großen peregrinationes des Christentums. Dieser Hauptsache schloß sich eine Unzahl kürzerer Trassen an, die aufgrund ihrer Ausrichtung vom Norden Europas zum Mittelmeer hin oft als Viae Francigenae angegeben wurden, also aus Frankreich stammend, womit das weitläufige Gebiet jenseits der Alpen gemeint war, wo sich das gegliederte Verbindungsnetz zum Haupt-camino entwickelt hatte.

Die italienische Strecke der Via Francigena schloß sich vorwiegend der südlichsten der französichen Straßen an, der Via Tolosana. Jerusalem und Palästina wurden von den Christen als die heiligen Stätten schlecthin angesehen, vor allem weil es die Stätten gewesen waren, wo Jesus geboren, gestorben und wiederauferstanden war. Doch Rom, der Kern des westlichen Christentums, wurde bald zum Ersatzziel der heiligen Stätten. 1300 verkündete Papst Bonifazius VIII. das erste Heilige Jahr, ein besonderes Jahr, das reichlich Gnade und Ablaß spendete und unermeßliche Menschenmengen in die Ewige Stadt lockte. Seitdem, erst alle fünfzig Jahre, später alle fünfundzwanzig Jahre sowie zu besonderen Gelegenheiten, erneuern die heiligen Jahre die Tradition der Glaubensreise, die auf einen antiken jüdischen Brauch zurückgeht. Nach Jerusalem und Rom, führte der dritte große Pilgerweg nach Spanien, wo Jakob der Ältere verehrt wurde, einer der ersten Jünger Christi und der erste Apostel, der als Märtyrer starb. Die Pilgerreise beginnt sich erst zwischen dem 12. Und 13. Jahrhundert als europäisches Massenphänomen zu entwickeln.

Seine große Beliebtheit wird durch die reiche Anzahl ihm gewidmeter Wallfahrtskirchen bezeugt, deren berühmteste Santiago de Compostela ist, die Stadt wo noch heute solche Jahre als heilig gefeiert werden, in welchen der 25. April - Feiertag des Apostels - auf einen Sonntag fällt.

 

 

Salento: Knotenpunkt zwischen Westen und Osten

 

Im Jubeljahre Zweitausend kann die wiederentdeckung der Via Francigena, insbesondere jenes Teiles, der durch Italien weiterläuft und nach Rom führt, ein Mittel zum besseren Kennenlernen des Gebietes und zur Enthüllung noch verborgener Schätze werden. Salento, äußerster Ausläufer der Halbinsel und Schnittpunkt aller einstigen und gegenwärtigen Routen zur Einschiffung in Richtung der heiligen Stätten, erscheint für die Wiederbelebung dieser alten Straße, die in diesem Gebiet mit der Via Appia und der Via Traiana übereinstimmt, und des weitläufigen, von ihr durchdrungenen Kulturgutes besonders geeignet. An den Spuren von Königen, Heiligen, Kaufleuten, Pilgern und Kriegern vorbei, bietet der apulische Verlauf der Via Francigena Anregung zur Wiederentdeckung und Aufwertung der reichen mittelalterlichen Schätze, der Kirchen und Kunstwerke dieser Region - ein kulturelles Reiseangebot für alle diejenigen, die sich für Tradition und Geschichte interessieren.

Die Via Appia und Via Traiana stellten die Tragachse des antiken apulischen Straßennetztes dar. Beide verbanden Rom mit Brindisi, die eine über die Appenninen und die Basilikata, die andere direkt auf die Küste gerichtet. Außer diesen zwei Hauptstraßen, die geradlinig verliefen und über lange Strecken gepflastert waren, gab es ein dichtes Netz von Nebenstraßen; wichtig für den Handel und für die Pilger, die den Gargano erreichen wollten, war die Straße, die in Siponto begann und deren Abzweigung in Alternative zur Via Traiana an der Küste entlang nach Brindisi führte.

In Mittelalter erfuhr die Via Appia Traiana eine Blütezeit, als sie in das weitläufige System der großen Pilgerwege einbezogen wurde. Scharen frommer Wanderer erreichen über diese Straße die apulischen Häfen, wo sie nach dem Heiligen Land einschifften oder wodurch sie Nebenziele der mittelalterlichen Wallfahrten erreichten, wie zum Beispiel die Basilika San Nicola in Bari oder die Cattedrale von Otranto. Die antiken Konsularstraßen verwandelten sich im Mittelater in heilige Wege. Vor allem die Via Traiana, die von Pilgerzügen, doch auch von Kreuzfahrern und Kaufleuten aus Nord- und Mittelitalien und aus Gebieten jenseits der Alpen belebt war, bildete eine Verlängerung nach Süden hin der Via Francigena, des bedeutenden camino der Pilger, die Europa durchquerten um nach Rom zu gelangen. So wurde die Straße auch tatsächlich genannt - wenigstens entlang einigen Strecken, wie unwiderlegbahr aus einigen Urkunden hervorgeht.

 

 

Das Meer, die Wege der Kultur

 

Eines der Merkmale der Landschaft von Terra d'Otranto (d.h. Land von Otranto) ist das Meer, gleichzeitig mit einem außerordentlich entwickelten Küstenverlauf und der Form eines nach Osten hin ausgestreckten Brückenkopfes, in der Schwebe zwischen Adriatischem und Ionischem Meer. Das Meer ist Bestandteil der Kultur dieses Landes.

Das Meer erzählt in Salento Geschichten von Leucht- und Wachttürmen und Häfen, von Kathedralen und Burgen, von Türken und Venetianern, aber auch von täglichen Kämpfen und Mühen, von abgewehrten Gefahren und Danksagungen. Das Meer erklärt die Gründe der Entstehung einer Kultur, die sich mit dem Beistand weitgereister Heiliger und wohlwollender Madonnen entwickeln konnte, als jene diese Küste anderenvorzogen, um ihren Schutz auszuüben. Es kehrt regelmässig in Heldensagen, Legenden, in den Sitten und Bräuchen dieses Landes wieder.

 

 

Höhlenkultur und Zeitalter des Geistes

 

Wasser und Gestein sind die Schlüsselwörter der salentinischen Landschaft und Kultur. Wo die Kraft des Wassers besonders zäh und tiefdringend war sind karstähnliche Mulden, Dolinen, Grotten, steile Klüfte entstanden. Wo sich das Werk des Menschen, der dieses Gebiet zu seinem Vorteil verwandelte, genauso hartnäckig durchsetzte, dort sind in uralter Zeit die Höhlenstädte entstanden.

Diese Grotten boten nicht einzig Asketen und Einsiedlern Schutz, sie stellten vor allem Wohnstätten dar, Urzellen einer alternativen "Stadtanlage". Heilige, Madonnen, Szenen aus dem Alten und Neuen Testament, Abbildungen von Christus bedecken die zur Verfügung stehenden Wandflächen fast völlig im Innern dieser Wallfahrtshöhlen, in denen die Kultur des Pilgertumes ihre Spuren in Form von Weihen an den Erzengel, an die Heiligen Jakob, Peter und Nikolaus hinterlassen hat.

 

 

Am Ende der Welt auf den Spuren von Sankt Peter

 

Außerhalb der herkömmlichen, von den Hauptstraßen bestimmten Routen, dringen die Stationen des Glaubens bis zu den Wallfahrtsorten des Salento vor, ältestes der apulischen Gebiete, das mit Sicherheit fester als die anderen noch an seine ursprüngliche Kultur gebunden ist; eine schon seit ihren Anfängen vielfältige geistige Welt, die sich in den rätselhaften geometrischen Symbolen, in Menschen- und Sonnenbildern, in Szenen der Jagd und des täglichen Lebens ausdrückt, die an den Wänden der Höhlen von Zinzulusa, Romanelli, del Cavallo und Porto Badisco zu sehen sind. Dieses Land war einst Terra d'Otranto genannt und erstreckte sich über Lecce, Brindisi und Tarent bis nach Matera.

Ein einheitliches, doch sehr vielfältiges Gefüge, unter dem Gesichtspunkt der Sprache und Kultur eher Griechisch als Lateinisch, wo wenige reiche Städte, wie Otranto, Gallipoli, Nardò, Galàtone, Maglie, Casarano, Galatina, Corigliano aus einer Unzahl kleiner Siedlungen und Dörfer herausragen, die sich im Hinterland, weiter von der ewig gefährdeten Küste enfernt, entwickelten. An der äußersten Landesspitze, bezeichnenderweise Finis Terrae gennant, stellt der Wallfahrtsort von Santa Maria di Leuca das Tor zum Paradies des frommen Christen dar. Hier soll angeblich Sankt Peter verweilt haben, wie die zahlreichen Widmungen örtlicher Grotten und Kapellen bezeugen wollen und was für die christliche Geschichte des gesamten Salento als ein entscheidendes Ereignis empfunden wird.

 

 

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